Facebook testet in Indien eine Version der App, die ausgewählte Nutzer direkt mit Vollbildvideo beziehungsweise Reels öffnet. Der klassische Feed verschwindet dabei nicht. Er rückt als eigener Tab eine Ebene nach hinten.
Der Test wirkt auf den ersten Blick wie eine weitere Annäherung an TikTok. Tatsächlich ist er Teil eines größeren Facebook-Umbaus, den Meta bereits im Juli angekündigt hatte. Für Publisher, Creator und Unternehmen ist deshalb weniger die einzelne Startseite entscheidend als die Frage, welche Inhalte Facebook künftig als primären Einstieg behandelt.
Der Video-first-Umbau war angekündigt
Meta hatte im Juli erklärt, Facebook stärker auf immersive, visuelle und videoorientierte Nutzung auszurichten. Für einen Teil der Nutzer sollte die App später im Jahr direkt in einer Vollbildvideo-Ansicht starten. Gleichzeitig versprach Meta eine Opt-out-Möglichkeit und kündigte an, dass der klassische Feed nur einen Tap entfernt bleiben soll.
Der aktuelle Test in Indien setzt diese Roadmap praktisch um. Laut Social Media Today sehen einige Nutzer Reels beim Öffnen der App zuerst, während der bisherige Feed als zweiter Tab erreichbar ist. Meta hatte im Sommer angekündigt, solche Versuche zunächst in Märkten mit besonders intensiver Videonutzung durchzuführen und die USA erst später zu prüfen.
Damit unterscheidet sich der Schritt von einem einfachen Design-Experiment. Facebook verändert die Hierarchie seiner wichtigsten Flächen.
Warum Indien für Meta ein naheliegender Testmarkt ist
Meta selbst beschreibt Indien als besonders stark videoorientierten Markt. Eine im Juni veröffentlichte, von Meta beauftragte Ipsos-Studie mit mehr als 4.000 Befragten in 23 Städten und Regionen kommt auf 97 Prozent tägliche Videonutzung auf Meta-Plattformen in der befragten Gruppe. Bei Gen Z nennt die Studie 89 Prozent tägliche Reels-Nutzung.
Diese Zahlen sind Unternehmensforschung und sollten nicht mit unabhängigen Marktanteilen verwechselt werden. Sie erklären aber, warum Meta ausgerechnet dort einen Startbildschirm testen kann, der Video stärker priorisiert.
Der Umbau passt außerdem zu Instagram. Dort experimentiert Meta seit längerem mit neuen Reels-Formaten und stärkerer algorithmischer Discovery. Einen Überblick über aktuelle Änderungen liefern wir in Instagram 2026: Instants, Reels-Serien und mehr Algorithmus-Kontrolle.
Für Pages wird der Follower-Feed weniger zentral
Für Unternehmen ist die spannendste Folge nicht, ob ein Reels-Tab links oder rechts steht. Entscheidend ist, dass Facebook den algorithmisch empfohlenen Videostream als möglichen Haupteinstieg behandelt.
Das kann die Distribution weiter weg vom klassischen Modell verschieben, bei dem eine Page veröffentlicht und ihre Follower den Beitrag im Feed sehen. Videos konkurrieren dann stärker um Empfehlungssignale außerhalb der eigenen Followerschaft. Für Seitenbetreiber werden Einstieg, Watchtime, Wiederholungen, Shares und Reaktionen auf das Video wichtiger als die reine Größe der bestehenden Fanbase.
Diese Verschiebung passiert parallel zu anderen Änderungen. Facebook testet beispielsweise bei manchen Pages Beschränkungen für Link-Posts. Unser Artikel zum Facebook-Link-Limit und Meta One zeigt, wie stark Meta derzeit an der Rolle klassischer Feed-Formate arbeitet.
Auch bezahlte Distribution wird stärker automatisiert. Im Überblick zu Meta Ads 2026 haben wir eingeordnet, wie KI-Creatives und neue Attributionslogiken die Werbeseite parallel verändern.
Was deutsche Social-Teams daraus ableiten können
Für Deutschland ist kein Reels-first-Startbildschirm angekündigt. Der Indien-Test ist daher kein Anlass, bestehende Content-Pläne über Nacht umzubauen.
Sinnvoll ist aber, Facebook-Video nicht mehr nur als Zusatzformat zu behandeln. Teams können bereits jetzt testen, welche vertikalen Videos ohne lange Einleitung funktionieren, ob Untertitel und Text-Overlays die Nutzung ohne Ton verbessern und welche Inhalte tatsächlich geteilt werden. Gleichzeitig sollte der klassische Feed nicht aufgegeben werden, solange Meta selbst keinen breiteren Rollout bestätigt.
Wichtig ist auch die Messung. Ein Reels-first-Interface kann Reichweite verschieben, sagt aber noch nichts über Geschäftswirkung aus. Neben Views sollten deshalb Completion Rate, Shares, Profil- oder Seitenbesuche und nachgelagerte Conversions betrachtet werden.
Der aktuelle Test zeigt vor allem, wohin Facebook als Produkt will: Video soll nicht mehr nur ein Format im Feed sein, sondern kann selbst zum Feed werden. Ob Meta dieses Modell über Indien hinaus ausrollt, bleibt offen.
