QVC-Host und Unternehmerin Kim Gravel plant eine eigene Live-Shopping-Plattform, auf der neben ihren eigenen Produkten auch weitere Marken verkauft werden sollen. Nach Angaben von Adweek soll das Angebot Live-Hosts mit Provisionen beteiligen, Shopping stärker gamifizieren und Verkäufer gezielt darin schulen, über persönliche Verbindung statt klassische Verkaufsskripte zu konvertieren.
Damit wird aus einem bekannten TV-Shopping-Modell ein deutlich stärker creator-getriebenes Social-Commerce-System.
Was Kim Gravel plant
Gravel stellte das Projekt bei Adweeks Brandweek 2026 vor. Die Plattform ist bislang als kommendes Angebot beschrieben; ein konkreter Launchtermin oder endgültiger Markenname wurde in der Berichterstattung noch nicht genannt.
Nach Adweek soll die Plattform:
- Produkte aus Gravels eigenen Marken und von weiteren Anbietern verkaufen,
- Hosts mit etwa 10 bis 12 Prozent Provision beteiligen,
- Live Shopping mit gamifizierten Elementen verbinden,
- Verkäufer und Hosts im Aufbau echter Zuschauerbeziehungen trainieren.
Der Ansatz ist bemerkenswert, weil Gravel nicht von einer klassischen Influencer-Plattform kommt. Sie hat ihr Verkaufsmodell über Jahre im Live-TV aufgebaut und überträgt diese Mechanik nun bewusst auf digitale Commerce-Kanäle.
Adweek zufolge hat allein Belle by Kim Gravel inzwischen mehr als 1 Milliarde US-Dollar Umsatz erreicht. Diese Zahl stammt aus der Berichterstattung über Gravel und ist nicht als unabhängige Marktkennzahl zu verstehen.
QVC selbst bewegt sich längst Richtung TikTok Shop
Gravels Schritt passiert nicht im luftleeren Raum. QVC versucht sein klassisches Live-TV-Geschäft bereits seit einiger Zeit auf Social Commerce zu übertragen.
Zum 40-jährigen Bestehen erklärte QVC im Juni 2026, die Marke habe sich in Richtung TikTok Shop, Streaming und Social-first-Formate ausgeweitet. Zum Jubiläum veranstaltete QVC einen achtstündigen TikTok Shop Super Brand Day mit Creatorn und prominenten Hosts.
Das zeigt, wie stark sich die Grenzen zwischen Teleshopping, Creator-Marketing und Social Commerce auflösen.
Auf TikTok Shop ist Live Shopping bereits ein wichtiger Verkaufskanal. In einer besonders extremen Nische meldete TikTok, dass 94 Prozent des Luxus-Resale-Umsatzes 2026 aus Livestreams stammen. Die Zahl betrifft eine spezielle US-Kategorie und lässt sich nicht auf den Gesamtmarkt übertragen, zeigt aber das Potenzial beratungsintensiver Live-Formate.
Hosts werden zu einem eigenen Vertriebskanal
Der interessanteste Teil von Gravels Modell ist die vorgesehene Provision für Hosts.
Damit verschiebt sich Live Commerce von „Marke streamt Produktshow“ zu einem verteilten Vertriebsmodell, in dem einzelne Persönlichkeiten Produkte präsentieren, Communities aufbauen und direkt am Umsatz beteiligt werden.
Diese Mechanik ähnelt Affiliate- und Creator-Commerce, nur mit deutlich stärkerem Echtzeitfokus.
Für Marken entsteht dadurch ein neuer Zwischenbereich:
- klassischer Influencer-Deal,
- Affiliate-Vertrieb,
- Live Shopping,
- Shopping-Entertainment,
- eigener digitaler Vertriebskanal.
Dass dieser Ansatz bereits auf großen Plattformen funktioniert, zeigt auch Crocs. Laut Charm.io soll die Marke innerhalb von zwölf Monaten 52,4 Millionen Dollar über TikTok Shop umgesetzt haben, unter anderem mit langen Livestreams und Creator-Kooperationen.
Warum „Appointment TV“ im Social Commerce zurückkehrt
Gravel beschreibt Live Selling als eine Art neues „Appointment TV“: Menschen schalten nicht nur wegen eines Produkts ein, sondern wegen einer wiederkehrenden Person, Community und Unterhaltung.
Genau darin unterscheidet sich Live Commerce von einem normalen Produktvideo.
Ein guter Livestream kombiniert:
- Produktdemonstration,
- Chat und direkte Fragen,
- Persönlichkeit des Hosts,
- begrenzte Angebote oder Drops,
- soziale Bestätigung durch andere Zuschauer,
- unmittelbaren Checkout.
Das ist näher an einer interaktiven Show als an einem klassischen Anzeigenformat.
Für Creator ist das zusätzlich interessant, weil Monetarisierung nicht allein von Reichweite oder Sponsoring abhängt. Wer tatsächlich Verkäufe auslösen kann, wird selbst zu einem messbaren Vertriebskanal.
Auch Deutschland bewegt sich in diese Richtung
Der Markt ist hierzulande noch deutlich weniger live-shopping-lastig als in China oder den USA. Trotzdem werden die Bausteine sichtbarer.
YouTube hat sein Shopping-Affiliate-Programm inzwischen nach Deutschland gebracht. TikTok Shop baut Live Commerce weiter aus, und klassische Händler experimentieren mit Creator- und Streamingformaten.
Für deutsche Marken ist deshalb nicht zwingend Gravels konkrete Plattform relevant. Interessanter ist das Modell dahinter: Hosts werden aus Media-Gesichtern zu provisionsbasierten Commerce-Partnern.
Was Marketer daraus mitnehmen können
Live Shopping funktioniert nicht automatisch, nur weil ein Produkt im Stream gezeigt wird.
Gravels Ansatz betont genau den Teil, den viele Plattformstrategien unterschätzen: Hosts müssen Vertrauen und Routine aufbauen. Zuschauer sollen wiederkommen, weil sie die Person kennen und deren Empfehlungen einordnen können.
Für Marken bedeutet das:
- Hosts nicht nur nach Reichweite auswählen,
- Conversion und Wiederkaufsverhalten messen,
- wiederkehrende Formate statt Einzelstreams testen,
- Provisionen transparent und wirtschaftlich kalkulieren,
- Entertainment und Verkauf nicht voneinander trennen.
Social Commerce entwickelt sich damit weiter weg vom simplen „Link in Bio“-Prinzip und hin zu eigenständigen, host-getriebenen Verkaufsformaten.
