Australiens geplanter Algorithmus-Opt-out für Social Media wird zum internationalen Streitfall. Die US-Regierung hat den Entwurf der australischen „Digital Duty of Care“ in einer formellen Eingabe scharf kritisiert und vor einem möglichen Zensurrisiko durch staatlich definierte Plattformregeln gewarnt. Australiens Regierung hält dagegen: Die Reform solle nicht Behörden mehr Kontrolle geben, sondern Nutzern.
Kern des Entwurfs bleibt „My Feed, My Way“. Social-Media-Plattformen sollen neuen und bestehenden Nutzern über 16 eine Wahl für ihren Standardfeed anbieten: personalisierte Empfehlungen oder Inhalte von Accounts, denen sie selbst folgen. Der Vorschlag ist weiterhin nicht beschlossen und befindet sich in der Konsultation.
Washington warnt vor übermäßiger Moderation
Die US-Regierung argumentiert, dass zu weit gefasste Definitionen von „Schaden“ Plattformen dazu bewegen könnten, rechtlich zulässige Inhalte vorsorglich stärker zu drosseln oder zu moderieren. Besonders kritisch sieht Washington Vorgaben, die direkt in Ranking, Feed-Design oder Empfehlungslogik eingreifen.
Nach Berichten von ABC News, The Guardian und Social Media Today fordert die US-Seite mehr Klarheit darüber, wer Schäden definiert, nach welchen Maßstäben Risiken bewertet werden und welche Schutzmechanismen gegen politisch gefärbte Eingriffe gelten. Zugleich verweist sie darauf, dass die meisten betroffenen großen Plattformen US-Unternehmen sind und nationale Designvorgaben technische Folgen über Australien hinaus haben könnten.
Die Kritik richtet sich damit nicht nur gegen den sichtbaren Feed-Schalter, sondern gegen die breitere Duty-of-Care-Logik des Entwurfs. Die US-Seite warnt davor, dass Plattformen aus Angst vor Sanktionen problematische, aber legale Inhalte pauschaler herunterstufen könnten.
Australien: „Nutzerkontrolle statt Regierungskontrolle“
Premierminister Anthony Albanese weist die Zensurlesart zurück. Die Regierung beschreibt „My Feed, My Way“ ausdrücklich als Wahlrecht für Nutzer. Plattformen sollen über den Feed-Modus informieren und die gewählte Einstellung respektieren.
Der am 8. September 2026 veröffentlichte Entwurf verlangt außerdem von digitalen Diensten, Risiken zu dokumentieren und Maßnahmen gegen vorhersehbare Schäden zu treffen. Bei Verstößen nennt die Regierung mögliche Strafen von bis zu 109,2 Millionen australischen Dollar.
Für Minderjährige geht der Entwurf weiter: Social Media, Games, Apps und KI-Chatbots sollen unter anderem Risiken durch süchtig machende Designmechaniken, Cybermobbing, Pornografie, Essstörungsinhalte oder gefährliche Challenges reduzieren.
Für Marketer ist der Feed-Default entscheidender als die politische Rhetorik
Für Social-Media-Marketing ist die entscheidende praktische Frage nicht, ob der Streit als „Zensur“ oder „Nutzerkontrolle“ bezeichnet wird. Wichtiger ist, welcher Feed künftig der Default ist und wie sichtbar die Wahl ausgestaltet wird.
Instagram-Chef Adam Mosseri hatte bereits vor möglichen Reichweitenfolgen gewarnt. Nach seiner Darstellung kann die Nutzung bei chronologischen beziehungsweise nicht personalisierten Feeds deutlich sinken. Die zugrunde liegenden Zahlen veröffentlichte Meta allerdings nicht, weshalb diese Einschätzung als Plattformposition gelesen werden sollte.
Wenn ein größerer Teil der Nutzer dauerhaft einen Following-Feed wählt, verliert algorithmische Discovery für diese Gruppe an Gewicht. Marken und Creator wären dann stärker auf direkte Followerbeziehungen, wiederkehrende Formate und Community-Bindung angewiesen. Instagram selbst experimentiert parallel mit mehr Nutzerkontrolle über Empfehlungen; Srocket hat die Änderungen rund um „Your Algorithm“, Reels und Instants bereits eingeordnet.
Der regulatorische Trend geht weit über Australien hinaus
Australien ist mit der Debatte nicht allein. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron fordert ein EU-weites Social-Media-Verbot für Unter-15-Jährige, während Plattformen ihre eigenen Schutzsysteme für Minderjährige ausbauen. Auch TikTok beteiligt sich inzwischen stärker an plattformübergreifender Kinderschutz-Infrastruktur, wie der Beitritt zum Lantern-Netzwerk zeigt.
In der EU existiert zudem bereits eine verwandte Grundregel: Sehr große Online-Plattformen müssen unter dem Digital Services Act mindestens eine Empfehlungsoption anbieten, die nicht auf Profiling basiert. Australien geht mit der aktiven Benachrichtigung und der Wahl des Standardfeeds in der praktischen Ausgestaltung weiter.
Parallel verschärfen Plattformen selbst ihre Sicherheits- und Jugendregeln. Srocket hat die jüngsten Teen-Schutzmaßnahmen von Meta, TikTok und YouTube zusammengefasst.
Noch ist nichts final
Für deutsche Social-Teams entsteht aus dem australischen Entwurf noch kein unmittelbarer technischer Handlungsbedarf. Relevant ist aber die Richtung: Regulierer greifen zunehmend nicht nur Inhalte an, sondern auch Empfehlungslogik, Defaults und Interface-Design.
Sollte Australien die Regeln in dieser Form umsetzen, wäre das ein wichtiger Praxistest dafür, wie viel Reichweite, Nutzung und Creator-Discovery tatsächlich an algorithmischen Standardfeeds hängt. Gleichzeitig zeigt der Streit mit Washington, dass solche Designregeln künftig nicht nur Plattform- und Verbraucherpolitik, sondern auch internationale Digitalpolitik berühren.
