Google testet eine nutzungsbasierte Vergütung für Publisher, deren Inhalte zu KI-generierten Antworten beitragen. Nach Recherchen von Digiday läuft das Programm über die Google Search Console: Teilnehmende Publisher sehen dort einen zusätzlichen Bereich für „AI earnings“, der monatliche Einnahmen aus der Nutzung ihrer Inhalte ausweist.
Das Modell ist bemerkenswert, weil Google damit nicht nur Traffic oder Sichtbarkeit als Gegenleistung für Publisher-Inhalte anbietet, sondern in diesem Pilot konkrete Nutzung von Inhalten in generativen Antworten mit einer Zahlung verknüpft. Google bestätigt, dass es sich um einen frühen Lernversuch handelt. Wie genau einzelne Nutzungsvorgänge bewertet und vergütet werden, legt das Unternehmen bislang nicht offen.
So funktioniert der „AI contribution“-Pilot
Digiday zufolge werden Publisher bezahlt, wenn ihre Inhalte zur Generierung beziehungsweise zum Grounding von Antworten in Gemini, AI Overviews und AI Mode beitragen. Die Vergütung ist nutzungsabhängig; eine Vorabzahlung gibt es dem Bericht zufolge nicht. Publisher können den Pilot wieder verlassen.
In der Search Console erscheint für Teilnehmer ein eigener Einnahmenbereich mit Monatswerten und Historie. Was dort fehlt, ist die entscheidende Detailtiefe: Publisher sehen laut Digiday nicht, welcher einzelne Inhalt wie oft genutzt wurde, welcher Produkttyp die Nutzung ausgelöst hat oder nach welcher Formel Google einen Nutzungsvorgang bepreist.
Genau diese Black Box ist derzeit der größte Vorbehalt. Mehrere von Digiday zitierte Publisher begrüßen zwar grundsätzlich, dass KI-Nutzung überhaupt einen finanziellen Wert bekommt. Andere halten die bisher angebotenen Summen für zu niedrig und fürchten, dass eine frühe Teilnahme ihre Verhandlungsposition bei künftigen Lizenzmodellen schwächen könnte.
Google hatte das Modell bereits im Juni angedeutet
Die neue Vergütung kommt nicht völlig überraschend. Google schrieb am 18. Juni in einem offiziellen Public-Policy-Beitrag, das Unternehmen teste neue Modelle der Zusammenarbeit und des Werteaustauschs mit Websites, deren Inhalte wesentlich zur Aktualität und Faktentreue generativer KI-Antworten beitragen.
Google nennt dabei ausdrücklich das Grounding generativer Antworten und verweist auf weitere Publisher-Programme. Der News-AI-Pilot umfasst nach Unternehmensangaben mehr als 200 Publikationen. Über News Showcase arbeitet Google mit mehr als 2.800 Publishern in 33 Ländern zusammen; in Europa zahlt das Unternehmen laut eigener Darstellung über bestehende Rechtevereinbarungen an mehr als 5.500 Publikationen.
Der jetzt von Digiday beschriebene Search-Console-Pilot geht einen Schritt weiter: Er versucht, den Wert nicht nur über einen pauschalen Lizenzvertrag, sondern anhand konkreter KI-Nutzung abzubilden.
Das ist nicht dasselbe wie Bezahlung für KI-Training
Für Publisher ist eine wichtige Trennung nötig. Google bietet mit Google-Extended bereits eine technische Kontrolle dafür an, ob Inhalte zum Training zukünftiger Gemini-Modelle beziehungsweise für bestimmte Grounding-Anwendungen in Gemini Apps und der Vertex AI API verwendet werden dürfen.
Der aktuelle Pilot ist dagegen als Vergütung für Inhalte beschrieben, die laufende generative Antworten stützen. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jede Verwendung eines Publisher-Artikels für Modelltraining bezahlt wird oder dass alle Google-KI-Produkte nach demselben Schema abrechnen.
Diese Unterscheidung wird wichtiger, weil Publisher gleichzeitig mit weniger planbarem Suchtraffic kämpfen. Wie stark sich das Geschäftsmodell verschiebt, zeigt bereits der Trend, dass Publisher deutlich mehr Paid-Search-Traffic einkaufen, während Verlage ihre Organisation für eine Post-Google- und KI-Suche neu aufstellen.
Warum ein Pay-per-Use-Modell strategisch relevant ist
Die zentrale Frage der vergangenen zwei Jahre lautete oft: Wenn eine KI Inhalte zusammenfasst und der Nutzer die Ursprungsseite nicht mehr besuchen muss, welchen Gegenwert erhält der Publisher noch?
Traditionell bestand dieser Gegenwert aus Referral-Traffic. Ein Pay-per-Use-Modell schafft theoretisch eine zweite Währung: Ein Inhalt kann wirtschaftlichen Wert haben, auch wenn der Nutzer nicht auf die Website klickt.
Für Medienhäuser wäre das ein grundlegender Wechsel vom Referral-Modell zu einer Art Inference- beziehungsweise Grounding-Lizenzierung. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit steht allerdings noch völlig offen. Wenn die Vergütung pro Nutzung nur einen Bruchteil der verlorenen Werbe-, Abo- oder Affiliate-Erlöse ersetzt, löst das Modell das Traffic-Problem nicht.
Genau deshalb sind Transparenz und Messbarkeit so wichtig. Publisher müssten mindestens nachvollziehen können, welche Inhalte in welchen KI-Produkten Wert erzeugen und wie dieser Wert berechnet wird. Ohne diese Daten bleibt die Search-Console-Zahl eher eine Auszahlung als ein belastbares Geschäftsmodell.
Auch regulatorisch steht Google unter Druck
Der Pilot entsteht nicht im luftleeren Raum. EU-Wettbewerbshüter befragen Publisher derzeit zu Googles Möglichkeit, KI-Suche separat abzulehnen, ohne die Rankings in der klassischen Suche zu beeinträchtigen. Reuters berichtete Anfang September, dass die Rückmeldungen Teil einer laufenden EU-Untersuchung sind. In Großbritannien wurde Google ebenfalls aufgefordert, Publishern mehr Kontrolle über die Nutzung ihrer Inhalte für KI-Funktionen zu geben.
Google betont seinerseits, dass Publisher mehr Kontrolle, neue Search-Console-Metriken und zusätzliche Partnerschaftsmodelle erhalten sollen. Für Verlage dürften diese drei Punkte künftig zusammengehören: Kontrolle über Nutzung, nachvollziehbare Messung und eine wirtschaftliche Gegenleistung.
Für Marketer ist das ebenfalls relevant. Wenn Publisher-Inhalte nicht mehr nur auf Klicks optimiert werden, sondern auch als zitier- und verwertbare Quellen für KI-Systeme funktionieren müssen, verschiebt sich die Content-Ökonomie. Sichtbarkeit in generativen Antworten wird dann nicht nur ein SEO-Thema, sondern potenziell auch ein eigener Erlös- und Lizenzkanal.
Noch ist es ein Pilot, kein neuer Standard
Der wichtigste Vorbehalt bleibt deshalb der Status des Programms. Google spricht von einem frühen Lernversuch; Digiday berichtet von einer wachsenden, aber begrenzten Gruppe angesprochener Publisher. Eine allgemeine Verfügbarkeit, feste Preislisten oder öffentlich nachvollziehbare Abrechnungsregeln gibt es bislang nicht.
Trotzdem ist der Schritt relevant: Google beginnt damit, einzelne KI-Nutzungsereignisse als vergütbaren Wert zu behandeln. Ob daraus ein tragfähiger Markt für Publisher-Inhalte entsteht oder nur ein kleines Zusatzhonorar neben weiter sinkenden Referrals, hängt nun vor allem von Preis, Transparenz und Verhandlungsmacht ab.
