John Lewis hat seine Weihnachtskampagne 2026 am 3. November zuerst auf Social Media gestartet – und erst am Abend ins Fernsehen gebracht. Der britische Händler spielt den dreiminütigen Film „Gloria and Pickles“ zunächst über YouTube und Instagram aus, bevor 60-Sekunden-Fassungen in großen TV-Umfeldern folgen. Hinter der emotionalen Geschichte steckt ein bewusst breiter Media-Plan: von TikTok und Reddit bis Connected TV, Streaming und Handel.
Für deutsche Marketingteams ist weniger die prominente Besetzung interessant als die Verteilungslogik. John Lewis macht aus einem aufwendigen Weihnachtsfilm ein saisonales Content-System, während sich Weihnachtswerbebudgets in Großbritannien zunehmend in Social- und Retail-Media-Formate verschieben.
Erst Social, dann TV: So wird der Weihnachtsfilm verteilt
Die von Saatchi & Saatchi entwickelte Kampagne feiert das 20. Weihnachtsfilm-Jubiläum von John Lewis. Oscar-nominierte Schauspielerin Kristin Scott Thomas spielt die Großmutter Gloria, Paul Whitehouse leiht dem sprechenden Spielzeughund Pickles seine Stimme. Sam Fender liefert eine neue Aufnahme des Rolling-Stones-Stücks „You Can't Always Get What You Want“. Regie führte Lucy Forbes.
Der Film erzählt von einer Großmutter, die ihren Enkelkindern aus Unsicherheit zunächst Geld schenken möchte. Pickles bringt sie auf eine persönlichere Idee: Sie verwandelt ihr Arbeitszimmer in eine glitzernde „Gran Cave“, in der sie mit ihren Enkeln Zeit verbringen kann. Das Motto lautet „Don't give up on giving“.
Am 3. November um 7:30 Uhr britischer Zeit veröffentlichte John Lewis den Spot auf eigenen Online-Kanälen. Erst für den Abend waren die TV-Premieren bei ITV und Channel 4 vorgesehen. Anschließend läuft die Kampagne laut dem offiziellen Media-Plan von John Lewis unter anderem über Meta, TikTok, YouTube, Reddit, Pinterest und Snapchat, dazu über Netflix, Prime Video, Disney+, Broadcaster-Video und Connected-TV-Angebote von Samsung und LG.
Das lange Hero-Video liefert die Geschichte; Behind-the-Scenes-Material und Interviews mit Schauspielern und der Figur Pickles verlängern sie in zusätzliche Social-Inhalte. Aus einer Filmproduktion werden mehrere Anlässe für Aufmerksamkeit, nicht nur ein jährlicher TV-Slot. Eine ähnliche Verteilung über Social, Streaming und Shopping verfolgt Walmart mit seiner Muppets-Weihnachtskampagne.
Warum 2026 ausgerechnet Social die Weihnachtsbudgets zieht
Passend zum Launch veröffentlichte die britische Advertising Association ihre aktuelle AA/WARC-Werbeprognose: Für das vierte Quartal 2026 werden 14 Milliarden Pfund Werbeausgaben erwartet, 8,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Im Weihnachtsgeschäft soll Social-Werbung um 18,5 Prozent zulegen, Retail Media um 16,2 Prozent und adressierbares Fernsehen um 15,1 Prozent. Der gesamte TV-Markt wächst in dieser Prognose um lediglich 1,6 Prozent.
Das erklärt die Logik hinter John Lewis' Ausspielung. Das große emotionale Narrativ sorgt für Wiedererkennbarkeit und Gesprächsstoff, während plattformgerechte Videoausschnitte und Commerce-Umfelder Menschen bei der konkreten Geschenksuche erreichen. Target setzt parallel auf Creator und Shopping-Inhalte; Meta rückt für die Holiday-Saison Reels und KI-Creatives in den Mittelpunkt.
Ein Film, dessen Details zugleich Produkte sind
John Lewis verankert die Geschichte direkt im Sortiment. Pickles basiert auf dem tatsächlich erhältlichen Fisher-Price Little Snoopy, auch die Discokugel und Dekoration für Glorias „Gran Cave“ gehören zum Angebot. Die Musik erscheint zusätzlich physisch; John Lewis will die Gewinne aus seinen CD- und Plattenverkäufen an Action for Children spenden.
Die Inszenierung liefert damit drei Anknüpfungspunkte für unterschiedliche Kanäle: die emotionale Geschichte für Reichweite, die Figuren und Dreharbeiten für Social Content sowie konkrete Produkte und Geschenkideen für den Handel. Zum Vergleich: e.l.f. setzt bei seiner Weihnachtskampagne auf Stop-Motion und Retail-Screens – ein anderer kreativer Weg, der ebenfalls mehrere Umfelder von Anfang an mitdenkt.
Für deutsche Marken liegt der entscheidende Hebel in der Planung vor dem Dreh: Wer nur den Hauptspot produziert und später Clips daraus schneidet, verschenkt mögliche Social-Formate. John Lewis hat Pressebilder, Interviews, Behind-the-Scenes und unterschiedlich lange Ausspielungen in ein Kampagnensystem eingebaut. So lässt sich derselbe kreative Kern während der gesamten umkämpften Shopping-Saison immer wieder neu erzählen.
Quellen: John Lewis Partnership: offizielle Ankündigung und Kanalplan, 3. November 2026 · Advertising Association / WARC: Werbeprognose Q4 2026 · The Guardian: Kampagnenhintergrund und Medienstart · ADWEEK: Kampagnenmeldung
