Wer als deutsches Unternehmen im Herbst 2026 gezielt US-Kunden erreichen will, muss mit teurerem und unzuverlässigerem Video-Inventar rechnen. Vor den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November steigt der Wettbewerb um Werbeplätze besonders in politisch umkämpften Bundesstaaten. Das betrifft nicht nur klassisches Fernsehen: Mediaagenturen berichten auch bei Connected TV (CTV) und YouTube von steigenden Preisen.
Regionale Verfügbarkeit kann wichtiger sein als der Durchschnitts-CPM
In Interviews mit Digiday nennen US-Mediaplaner für bestimmte Fernsehbuchungen in Texas typische CPM-Anstiege von 10 bis 15 Prozent und in einzelnen Umfeldern erheblich höhere Aufschläge. Eine Agentur beziffert beobachtete Premium-CTV-Preise abhängig von der Region mit zuletzt etwa 43 statt zuvor 34 bis 35 US-Dollar. Ein weiterer Mediaeinkäufer berichtet von einem rund 20-prozentigen YouTube-CPM-Anstieg in seinen Buchungen.
Das sind Beobachtungen einzelner Agenturen, keine landesweit repräsentativen Plattform-Indizes. Wer pauschal 20 Prozent Aufschlag auf sämtliche US-YouTube-Kampagnen ansetzt, überträgt Stichproben falsch. Für konkrete Werbekonten zählen die Veränderungen bei denselben Regionen, Zielgruppen, Formaten und Buchungszeiträumen.
Warum Wahlwerbung auch Nicht-Wahlwerbung verdrängt
Bereits im Juni hatte AdImpact das US-Wahlwerbevolumen 2026 auf 11,6 Milliarden Dollar geschätzt, darunter rund 5,6 Milliarden für Broadcast-TV und 2,7 Milliarden für CTV. Digiday berichtet inzwischen unter Berufung auf neuere AdImpact-Schätzungen von insgesamt etwa 12 Milliarden Dollar. Beide Werte sind Prognosen, nicht der endgültige Umsatz nach der Wahl.
Ein zusätzlicher operativer Effekt sind sogenannte Pre-emptions: Bei bestimmten lokalen TV-Verträgen können reguläre Werbespots zugunsten anderer Käufer verdrängt und durch Ersatzplätze kompensiert werden. Ein Ersatzslot ist allerdings nicht zwangsläufig zur ursprünglich geplanten Uhrzeit oder im gleichen Programm verfügbar. Für zeitkritische Abverkaufsaktionen kann das wichtiger sein als der reine CPM.
Was deutsche Marketingteams aus den USA heraus beachten müssen
Bei US-Kampagnen empfiehlt sich eine regionale Preiskontrolle statt einer landesweiten Panikreaktion. Besonders relevante Testmärkte lassen sich vorübergehend separat planen, während bundesweite Kampagnen auf Volumen, Frequenz und Kostenentwicklung geprüft werden. Vorab sollte geklärt werden, welche Ersatzplatzierungen der Vermarkter garantiert und wie kurzfristige Umbuchungen dokumentiert werden.
Ein Wechsel zu Netflix, Prime Video oder anderen Streaming-Umfeldern löst das Problem nicht automatisch: Wenn viele Marken in dieselben Alternativen wechseln, können auch dort Preise anziehen. Für die Kanalbewertung ist wichtig, dass die von Comscore gemessene YouTube-Streaming-Werbezeit keine automatische Aussage über verfügbare Werbeplätze oder inkrementelle Wirkung liefert. Auch die neue Netflix-Conversion-Messung ersetzt keinen sauberen Vergleich der Kosten pro zusätzlichem Abschluss.
Politische Anzeigenregeln in USA und EU unterscheiden sich
Google lässt in den USA Wahlwerbung unter Verifizierungs- und Kennzeichnungspflichten zu. In der EU gelten dagegen weitreichende Beschränkungen für politische Anzeigen. Ein deutscher Unternehmenssitz bedeutet deshalb nicht, dass seine kommerziellen US-Exportkampagnen generell dem amerikanischen Wahlwerbeverbot unterlägen – ein solches pauschales Verbot existiert nicht. Die Frage lautet, wo die Anzeige läuft, worum es inhaltlich geht und welche Richtlinie jeweils gilt. Die Sperrfristen für politische Meta-Anzeigen vor den US-Midterms betreffen ausdrücklich politische Werbeinhalte, nicht alle Anzeigen im US-Markt.
Für langfristige Sport- und Streaming-Sponsorings gelten zusätzlich andere Buchungsmodelle; mehr dazu in unserer NBA-Media-Analyse für die Saison 2026/27.
Quellen: Digiday, 26. Oktober 2026, AdImpact, politische Werbeprognosen, Reuters über die auf 11,6 Milliarden Dollar angehobene Prognose, 11. Juni 2026 und Googles Richtlinie für politische Werbung.
