Die US-Midterms vom 3. November 2026 haben gezeigt, wie groß politische Livestreams inzwischen sind: 20,87 Millionen Stunden sah das Publikum in der Wahlnacht auf YouTube, Twitch, Rumble und Kick. Das Analyseunternehmen Streams Charts zählt damit gut viermal so viel Watchtime wie bei den Midterms 2022. Für Medienhäuser und Marketingteams ist besonders interessant, wer diese Aufmerksamkeit einsammelt – und in welchen Formaten.
YouTube gewinnt die Masse, einzelne Creator die Bindung
Laut der Auswertung von Streams Charts vom 4. November kamen rund 80 Prozent der Watchtime auf YouTube zusammen. NBC News lag mit 4,39 Millionen gesehenen Stunden plattformübergreifend vorn. Der politische Twitch-Streamer Hasan Piker erreichte allein 1,75 Millionen Stunden und war damit der zweitgrößte Einzelkanal der Wahlnacht. Rechtsgerichtete Kommentatoren wie Steven Crowder fanden ihr Publikum unter anderem auf Rumble.
In der Spitze verfolgten 3,4 Millionen Menschen gleichzeitig die erfassten Streams. Die 20,87 Millionen Stunden sind dagegen addierte Sehdauer, keine Zahl einzelner Zuschauer. Die Massenreichweite blieb vor allem bei den etablierten Nachrichtenmarken; der Erfolg einzelner Streamer zeigt zugleich, wie stark eine persönliche Host-Marke lange Live-Sessions tragen kann.
Schon vor dem Wahltag hatte sich der Markt deutlich verändert: Zwischen dem 4. Oktober und 2. November erfasste Streams Charts 10,27 Millionen Stunden politischer Livestreams über mehr als 2.500 Kanäle. Diese 30-Tage-Zahl beschreibt einen anderen Zeitraum als die Wahlnacht und illustriert den dauerhaften Appetit auf Live-Kommentierung.
Der Wahlkampf lieferte Clips, Podcasts und eigene Creator-Netzwerke
Die Kampagnen entwickelten Inhalte längst nicht mehr nur für klassische Fernsehspots. Der spätere texanische Senator James Talarico setzte auf kurze, bewusst teilbare Videos. Ein satirischer Clip im Stil einer Immobiliensendung erreichte nach Recherchen von Puck plattformübergreifend mehr als acht Millionen Aufrufe – ohne dass dieser Spot regulär im texanischen Fernsehen lief.
Die Demokratische Partei arbeitete nach eigenen Angaben, zitiert von der Washington Post, mit einem Netzwerk von über 500 Creatorn. Gleichzeitig nutzten Kandidaten der Republikaner ebenfalls Podcasts, eigene Online-Communities und reichweitenstarke Kommentatoren. Politische Kommunikation wurde so zunehmend ein Wettbewerb zwischen wiedererkennbaren Persönlichkeiten, nicht nur zwischen offiziellen Parteikanälen.
Ein Vorläufer war der New Yorker Bürgermeisterwahlkampf von Zohran Mamdani 2025: Sein Team verband kurze Erklärvideos, Interviews mit gewöhnlichen Einwohnern und Zusammenarbeit mit Creatorn. Die Carnegie Endowment beschreibt, wie dabei Offline-Veranstaltungen von Anfang an auch als Social-Content geplant wurden.
Was deutsche Marketingteams daraus mitnehmen
Drei Mechanismen sind über die US-Politik hinaus interessant. Erstens: Wer im Feed auffallen will, braucht ein eigenständiges Format, nicht nur Ausschnitte aus einer langen Pressekonferenz. Zweitens: Kurzvideos bringen neue Nutzer in Kontakt mit dem Thema, persönliche Live-Hosts schaffen wiederkehrende Sehgewohnheiten. Drittens: Bei Großereignissen muss die Messung zwischen Aufrufen, gleichzeitigen Zuschauern und tatsächlich gesehener Zeit unterscheiden.
Dazu gehört auch die Frage nach bezahlter Einflussnahme. Srocket hat bereits erklärt, warum politische Influencer-Posts eine Kennzeichnungsfrage sind und wie sich die Regeln für politische Meta-Anzeigen in den USA und Europa unterscheiden. Für die Budgetperspektive lohnt außerdem der Blick auf CTV, YouTube und Werbeausgaben der US-Midterms.
Die Wahlnacht war damit auch ein Stresstest für die neue Medienlandschaft: Die großen Sender lieferten die breite Live-Abdeckung, Creator bauten daneben hoch engagierte Publika auf. Das ist eine strategische Entwicklung, die weit über die US-Wahl hinausgeht.
Weitere Quellen: Reuters zur Creator-Berichterstattung vom 5. November, Adweek zum Social-Wahlkampf vom 5. November.
